Armin Bardel
EIN- & AUSBLICKE
text zur einreichung für den Club Carinthia-literaturpreis 2000 zum thema "Kärnten grenzenlos"
K.P. zugeeignet

"ein blick aus der ferne, tränengetrübten auges, gemischten gefühls.
einblick auf jeden fall; ob einsicht, wird sich weisen."

grenzenlos/imagine

wenn die Karawanken wankten
& die Steiner Alpen verwittern,
die Karnischen Alpen zerfressen,
die Saualm geschlachtet
und die Koralm verstummt,
die Gurktaler Alpen verzehrt,
die Tauern gekappt & versunken,
der Glockner nicht mehr läutet -
das land stünde nackt da & entblösst!

imagine there's no countries/Karawankies/wankies ...
meine damen & herren: wo noch oder wie oft auf dieser welt gibt es ein (geographisch) fast lückenlos nach allen seiten hin derart markant begrenztes land? stellen sie sich vor, es gäbe sie nicht, die berge die Kärnten umgeben! man könnte vom Ulrichsberg aus in und über über das land unserer (ehemals zeitweilig - wer immer auch wem & weshalb - feindlichen) nachbarn bis ans meer sehen.

man könnte sie sich wegdenken, so tun, als ob sie nicht da wären. durch sie hindurch- oder über sie hinwegsehen. über all das, was sie trennen (oder eben nicht, doch dazu später). doch es gibt sie, sie sind da und nicht gerade leicht zu überwinden.

ihre physische überwindbarkeit hängt ab von der oberfläche, vom relief. zufall, dass von süden her die Karawanken sanfter sind als von norden? grün, weich & rund auf der sonnenseite, steil & karg im schatten, zerfurcht & zergliedert, imposant & abschreckend zugleich. wie ein wall von scharfen zähnen, der unterkiefer eines raubtiers, besonders im glühenden abendrot, zwischen strahlend blauem himmel & pechschwarzer nacht.
vielleicht auch daher die lokale (ur-)angst, dass eher unerwünschtes herein kommt als unsereins hinüber wollte.

alles böse kommt von süden,
nur was von norden kommt ist gut
(es sei denn es kommt aus Wien).

nicht umsonst wird Kärnten das "bollwerk im süden" genannt ('Komm sing mit!').

grenzübertritt

freilich wohl, wenns darum geht, urlaub am meer zu machen oder gewisse dinge (insbesondere z.b. treibstoff, alkohol, rauch- oder lederwaren) günstiger zu erstehen, 'duty free' - ohne verpflichtung, zwanglos, unverbindlich - einzuführen. da begaben mann & frau sich gern, wenngleich mit leichtem unbehagen, ins jenseits nächster nachbar- oder niemandsländer, aus dem eigenen hinaus ins fremde. hier ist mancher gern bereit, schwellen zu überwinden, und sind sie noch so hoch.

hoher standpunkt, weiter horizont

wozu in die ferne schweifen ... ?

täler sind tief und berge hoch, zu hoch für manche, sie zu bezwingen, sie zu überwinden. im gegensatz zu endlos weiten horizonten flacher länder, bewirken die berge eine gewisse einengung der wahrnehmung für die, die ihnen zu füssen sich befinden (diese sinnliche einschränkung wird durch gesteigerte sinnlichkeit anderer art möglicherweise wieder kompensiert).

aufi, Œbi, ummi, zubi: kommt man zwar nicht weit im lande, so doch - im idealfall - hoch hinaus. nur muss man sich ersteinmal die mühe machen aufzusteigen. versucht in die ferne schweifend, stösst der blick fast allerorts auf steile wände, zumindest sanfte matten weichen grüns, die gar zu sehr verlocken, sich gemütlich niederzulassen, sich auszuruhen und ein liedchen anzustimmen, das, hell jubelnd von der bergeswand sowie im herzen widerhallt (z.b.: "Kein schöner Land" oder "In die Berg bin i gern"). wer oben auf dem gipfel steht, blickt (einfach) drüber hinweg. ein berg, ein führer: um raufzukommen bedarf es eines guten & durchtrainierten alpinisten.

eingrenzen - grenzen einen

so sehr sie trennen, in vieler hinsicht einen sie. von natur aus wasser scheidend, eint die scheide auch was ihr entspringt, eint was in ihr seinen ursprung hat, selbst wenn es in verschiedene richtungen fliesst. sei es auch wider die natur: dreh einfach die schwerkraft um und alles vereint sich wieder! berge haben viele seiten, gräben, schluchten, etc., streben all demselben gipfel zu. alle bergbewohner leben von derselben wassern und den früchten ihrer hänge. der grat oder kamm, die schneid, auf der die grenze läuft, trennt & vereint zugleich sie alle, kulminiert im gipfel.
also die umkehrung der grenze: die gemeinsame grenze. die grenze, die man sich teilt. die grenze verbindet. wie klebstoff picken die teile aneinander, ob sie wollen oder nicht, selbst wenn kein austausch stattfindet. lückenlose grenze. nahtlose grenze? grüne grenze.

so wie eine berühmte mauer ein geteiltes volk sehr gut verband bis sie verschwand und innen & aussen gegensätze zum vorschein kamen, dies- & jenseits, gut & böse verkehrt und das verkehrte wieder umgedreht - erst vom kopf auf die füsse und dann wieder auf den kopf gestellt - wurde, dass einem ganz schwindlig wird. keiner hätte sich das so erwartet & erträumt und folglich ignoriert das jeder lieber, weil es die lage sonst unnötig weiter komplizierte. soviel zu einem erfüllten traum fernab der alp.

grenzen allgemein

somit doch noch- & ersteinmal wieder zurück zum ausgangspunkt: 'Kärnten grenzenlos' - fragt sich grundsätzlich: grenzenlos was? (der terminus) 'grenzenlos' hat nicht ausschliesslich positive konnotation (grenzenlos dumm, grenzenloser schwachsinn, hemmungslos, respektlos, gewissenlos, bedenkenlos, fruchtlos, wunschlos (un-)glücklich; andererseits furchtlos, selbstlos, lückenlos, hüllenlos, nahtlos braun ...).

"dort wo Tirol an Salzburg GRENZt ...
wo man mit blut die GRENZe schrieb ..."

grenzenloses land? grenzenlos und doch beschränkt, begrenztes sichtfeld. grenze der wahrnehmung:

was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss.
was ich nicht seh, tut mir nicht weh (oder doch?).
was ich nicht kenne, fehlt mir nicht
und was ich kenne, liebe ich.

wir sind zwar hEUte manche grenzen los oder zumindest loser als vorher, doch bald mal ist die hölle los wenn man sie ganz vergessen will. wenn demnächst Kärntens letzte (EU-aussen-)grenze fällt, fällt mit ihr ein wesentlicher teil seiner identität.
und überhaupt: von welchen grenzen reden wir eigentlich?

politische grenzen - staats-, landes-, bezirks- und gemeindegrenzen (eingemeinden, ausgemeinden oder zusammenlegen) - sind selten ident mit geographischen grenzen oder jenen der sprache, sprachgrenzen (obwohl die ja bekanntlich auch jene meiner welt sind). nicht immer und in jeder hinsicht ist der berg die (natürliche) grenze. beizeiten liegt sie auch am fluss, im tal, in der ebene (wenngleich jedes ansinnen, letztere zur grenze zu machen, hierzulande auf ablehnung stösst).
erstere (grenzen) haben wenig zu tun mit den grenzen des guten geschmacks und benehmens, die verlaufen kreuz & quer und ändern sich rasch & rascher nach belieben. ähnlich den grenzen des anstands und der höflichkeit, die, so nicht beachtet, die toleranzgrenze, grenzen der geduld herausfordernd auf die probe stellt.

grenzüberschreitende zusammengehörigkeit. illegaler, vermeintlich illoyaler und dennoch legitimer, jedenfalls durchaus notwendiger grenzübertritt. fliessende grenzen, die grenzen fliessen, verschwimmen, die klarheit verwischt zur willkür wechselnder konventionen.

die grenze war
nicht immer da
wo sie jetzt ist

grenzen müssen erst vorhanden sein oder geschaffen werden, um sie beseitigen zu können. versuchung ohne tabu? welchen reiz böte grenzenlose freiheit, zügellosigkeit, hemmungsloses vergnügen? je höher die schwelle, die mauer, umso grösser das bedürfnis & schliesslich der genuss, sie niederzureissen. erst im bewusstsein der grenze verschafft ihre überwindung besonderen genuss. grenzenlosigkeit ist (eine) errungenschaft der neuzeit.

neue einheit, eine neuheit!?
in der einheit zwiegespalten.
statt neben- miteinander,
statt einfalt nun dreifaltigkeit -
in der vielfalt liegt die würze,
doch die will fein gestimmt sein;
beliebig viel will nicht gefallen,
auf den koch kommt's an
und auf den geschmack.

ein schlechter koch verdirbt die besten speisen wie ein geschmackloser esser kritiklos alles frisst.

senza confini (intermezzo)
scherzo, heiter beschwingt

cosa mia, cosa tua,
cosa nostra,
nostra casa.
una communita
senza confini,
bratr, amici unitevi!

portare i conflitti
alla fine, fare pace.
nemico, amico, anmico.

chi per chi,
cosa per cosa,
il pro od il contro -
intorna a ci˜
si pu˜ dissentire.

la colonna del padrone
agitato in tutte le direzione;
obiettivo equivoco -
cadere il sostegno -
spalla a spalla.

un altra coscienza,
piu vivace senza spina,
contraffarsi senza fine.

volkscharakter

rund umgeben von erhebungen, nicht dazu bestimmt, allzu leicht rein & rausfliessen zu lassen. fast mehr noch als die berge nach aussen teilt innerlich der fluss: das grüne kleid innerlich gespalten durch ein silberband, ein schnitt, der grob das land und seine leute in nord & süden trennt. selbst dieses eilige band, das nicht entspringt im eigenen land, muss sich an beiden enden, sowohl herein als auch hinaus, durch enge pforten zwängen.

melancholisch trüber blick,
geerbt vom inneren nachbarn,
verklärt die sicht.
sentiment der lieder
hallt wieder von den wenden
(sic! - lapsus typo: statt 'wand' kommt windisches zum vorschein ...)

"karntn is lei 1", doch in der ein-heit steckt viel drin: ursprünglich Illyrer, Kelten, dann Römer, gefolgt von Slawen und diese ihrerseits verfolgt von wandernden Awaren. Germanen sind zu verschiedenen zeiten in verschiedener weise immer wieder hier gewesen, eingefallen, aufgefallen sowieso. eindringlich Ungarn, Türken und Franzosen, zuletzt (un- & überfallsartig) wiederholt die südlichen nachbarn, dann nochmals kurz die Briten. jüngst aus andern gründen und nur temporär vor allem Holl- & Niederländer. im gegensatz dazu als arbeitende gäste, zahlenmässig marginal, vertreter anderer noch fernerer länder.
begehrt, besetzt, besatzt, besucht, beobachtet ... : man fragt sich, wer hat nicht im lauf der zeit versucht, ins land zu kommen?

dennoch am liebsten unter seinesgleichen, denn gleich & gleich gesellt sich gern. die einheimische bevölkerung, Carantani, freunde, trotz allem doch noch mehr oder minder versippt & geschlossen. die einheit lediglich gefährdet durch inneren zwiespalt & einfältige zwistigkeiten, wie sie in klein- und grösseren familien nun einmal an der tagesordnung sind. bewahrt sich seine eigenheit in carantäne & steckt damit noch andere an.

also kein melting pot? pot oder melting? vielmehr ein schüssel brühe, ein topf, in dem die suppe kocht & brodelt die:
- wir uns nicht (...) versalzen lassen, obwohl sie
- uns andere, wer weiss womit, eingebrockt haben, aber die
- wir dennoch selbst auslöffeln müssen, sollen, wollen (kärntner lokalmasochismus).

zum trost: es wird nicht so heiss gegessen wie gekocht! doch wenn der topf vom ofen kippt und sich die brühe über uns ergiesst, ist das auch kein spass.

zeitgeschichte/zeitlos

lei losn - oder (lieber) doch nicht?

geschichtsbewusstsein selektiv. was sagen uns sagen & geschichten, die nicht erzählt werden? manche geschichte fehlt, weil die belege dafür nie vorhanden waren oder verloren gingen, gegangen, verschwiegen & verschwunden wurden. jemand hat seiten aus dem buch gerissen.
vergessene, verheilte wunden; über manches unvergessliche - scherz- oder schmerzhaft in erinnerung - ist gras gewachsen. nur wer den boden pflügt & umgräbt, wird allerorts auf zeugen der historie stossen, auf des bodens reiche schwätze.

die geschichte beginnt vor 1000 jahren. doppelt so lang davor kamen die römer und dazwischen war offiziell nichts wesentliches, zumindest und vor allem nichts, das für die gegenwart - und schon gar nicht für die zukunft - von bedeutung sein sollte. doch das ist eine andere geschichte, und jedes volk und jedes grüppchen an verschiedenen orten zu verschiedenen zeiten erzählt seine eigenen geschichten.
mit allen plagen wurde man fertig, nicht zuletzt im treuen glauben an den einen lieben gott oder beizeiten auch an andere götter oder ihrer einen oder anderen, gott gleichen, stellvertreter. in treue fest zum vaterland, wer immer auch der vater sei.
wer überfällt, kolonialisiert oder besiedelt, das land urbar macht & kultiviert oder verwüstet, gast ist oder fremder, wer einreisen, hierbleiben oder gleich wieder verschwinden darf, wird gern & fraglos fragwürdig flexibel gehandhabt, willkürlich beizeiten und nach bedarf, wie neuerdings vermehrt auch andernorts. beispielhaft voran, superlativisch einzigartig, extra-ordinaire in vieler hinsicht. wofür sich manche schämen, rühmen andere sich.
und wenn sie nicht gestorben sind ... (dann schwelgen sie noch heute).

fremdherrschaft & feudalismus

provinz, kolonialisiert von norden & süden, Kaisern, Barbaren, Bischöfen oder anderen herren, seit jeher ferngesteuert (von Rom, Bamberg, Salzburg, Berlin oder Wien - nur gottseidank nicht anderen), stets erneut versucht, den spiess einmal herum zu drehen.

dagegen bis heute kleinste räume lokal beherrscht von dorfkaisern und kleinstadtoligarchen, deren weisenrat sich regelmässig findet und über die grenzen ihres horizonts sein und das schicksal seiner volksgenossen schmiedet. ist das eisen noch so heiss - nichts, das von den unverzagten unbeugsamen nicht zu beugen, hinzubiegen wäre. denn: wer nicht an sich selber glaubt, muss anderen gehorchen. wer will das schon?

fremde köpfe, fremde männer
bestimmen wiederholt
das schicksal dieses landes.
deren ambitionen allemal
nicht allein dem lande gelten -
grenzüberschreitend über-regional
doch nicht minder eigen sind
die interessen dennoch.

was von draussen kommt, wird vorsichtig beäugt. der innere schweinehund dagegen, der wolf im schafspelz, ist längst ein liebenswerter vertrauter in der frommen herde.

sommerurlaub - ein rückblick in erinnerung

als kind fuhr ich mit meinen eltern jedes jahr ans meer, naheliegenderweise an die Adria (fernreisen waren damals noch unerschwinglich). die fahrt in den süden war stets eine wallfahrt, mühsame qualvolle pilgerreise, ein wahres martyrium. hindurch das land, so schnell wie möglich an den ersehnten strand.

es ging immer abwechselnd nach Italien oder Yugoslawien. vor allem letzteres war stets besonders unheimlich, geweckt durch familiäre mär: sprach die eine generation - mehr furcht- als ehrvoll - von Tito und dessen absehbarem abgang, warnte die andere noch (resp. schon wieder) vor Serbien.
erst die engen kurven der steilen strassen über die pässe oder durch düstere tunnel. auf der anderen seite die bunker entlang der strasse waren ein nicht gerade freundlicher empfang im nachbarland. ebensowenig die tristen graubraunen betonklötze & -wüsten der siedlungen & städte. schliesslich der Karst, die hitze und die verrosteten autowracks im strassengraben. trotzdem ganz nett das land und freundlich seine menschen, obwohl kommunisten, leider, und vielleicht nicht ganz so ordentlich und fleissig.

auch das kanaltal war nicht ohne: trostlose gegend, armselige häuser, von der hitze ausgebleicht & staubig, an die felsen geklebt wie ausgelutschter kaugummi, direkt an der engen strasse, auf der sich autokilometerlang touristen schwitzend in kolonnen stauten. wenig später nur wurde die gegend von einem erdbeben heimgesucht und ziemlich zerstört und nur dank grosszügiger nachbarlicher hilfe wiederaufgebaut. mittlerweile führt eine landschaftsfreundliche autobahn über all das hinweg.

endlich der ersehnte anblick, der blaue streif am horizont! bald danach stürzten wir in die lauwarmen fluten, die - vom grossen andrang schon völlig aufgewühlt - mehr braun waren, und nicht mehr ganz so sauber.

finale

welche wonne heutzutage mit oder ohne reisepass die blöde grenze einfach ignorierend und ebenso all die genannten hemmnisse, geschichten & erinnerungen, etc. beiseite lassend, frisch hinüber, hin & her, ungezwungen als ob's eins wär, gierig aufsaugend geniessen miteinander grenzenlos

München, Hamburg, Wolfsberg, Wien, Anfang 2000

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